Ich wusste, dass mich My Little Puppy treffen würde. Aber nicht, dass es mich so lange begleiten würde. Es ist eines dieser Spiele, die du eigentlich „nur kurz anspielen“ willst, und plötzlich sitzt du da, mitten in der Nacht, mit einem Kloß im Hals, während im Hintergrund ein kleiner digitaler Hund durch den Himmel läuft.
- Es beginnt im Himmel
- Eine Welt zwischen Traum und Erinnerung
- Zwischen Leben, Tod – und Alltag
- Gameplay, das dich atmen lässt
- Für alle, die jemals Abschied nehmen mussten
- Ein Abschied, der sich anfühlt wie Wiedersehen
Von Dreamotion entwickelt und von KRAFTON veröffentlicht, ist My Little Puppy auf den ersten Blick ein harmloses, niedliches Adventure über einen Corgi, der seinen Besitzer sucht. Aber das wäre, als würde man sagen, Journey sei ein Spiel übers Laufen. In Wahrheit geht’s hier um Liebe. Um Verlust. Und um das, was bleibt, wenn Worte und Körper längst nicht mehr da sind.
Es beginnt im Himmel
Wenn das Spiel startet, ist Bong-gu schon tot. Das erfährt man nicht durch einen plötzlichen Schockmoment, sondern durch Ruhe. Durch Licht. Alles ist still. Er ist in einer Welt, die aussieht wie ein Paradies: warm, weich, grenzenlos. Und dann, ganz plötzlich – ein Geruch.
Es ist der Geruch seines Herrchens. Vertraut, ehrlich, menschlich. Und obwohl Bong-gu längst in Sicherheit ist, weiß er: Er muss ihn finden. Und so beginnt eine Reise, die weniger nach Mission klingt und mehr nach Sehnsucht.
Dass diese Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht, verändert die Perspektive komplett. Der CEO von Dreamotion, Junyoung Lee, erzählt offen, dass Bong-gu wirklich existierte – ein älterer, verlassener Welsh Corgi, den er adoptiert hat. Nach drei gemeinsamen Jahren starb Bong-gu. Dieses Spiel ist ein Abschiedsbrief – oder vielleicht ein Wiedersehen. Und man spürt das in jeder Szene.
Eine Welt zwischen Traum und Erinnerung
Bong-gus Weg führt durch Orte, die sich anfühlen, als wären sie aus Gedanken gebaut: eine Küste, die in den Nebel läuft. Ein verschneiter Berg, an dem der Wind zu sprechen scheint. Eine Stadt, die gleichzeitig tot und lebendig wirkt. Überall diese stille Traurigkeit, aber nie Hoffnungslosigkeit.
Du spielst nicht, um zu gewinnen – du spielst, um zu verstehen. Bong-gu kann bellen, schnüffeln, rennen, helfen. Aber nie alles gleichzeitig. Er ist kein Superheld, er ist einfach nur ein Hund. Und das ist das Schönste daran.
Man merkt, wie sehr Dreamotion verstanden hat, wie man Emotion durch Einschränkung erzählt. Jeder Sprung fühlt sich wichtig an, jedes Hindernis hat Gewicht. Wenn Bong-gu scheitert, schmerzt es nicht, weil du „verloren“ hast, sondern weil du ihn magst.
Ich hab mich oft dabei ertappt, wie ich das Gamepad fester gehalten hab, als würde das irgendwie helfen. Das ist diese Art von Spiel – du willst einfach, dass alles gut ausgeht, obwohl du weißt, dass es das vielleicht nicht tut.
Zwischen Leben, Tod – und Alltag
Was My Little Puppy so clever macht, ist, dass es diese Grenze zwischen Himmel und Erde komplett verschwimmen lässt. Du triffst andere Hunde, die ihre Menschen verloren haben. Du begegnest Menschen, die sich selbst suchen. Und irgendwo dazwischen läuft Bong-gu, klein, tapfer, ganz bei sich.
Das Spiel thematisiert Dinge, über die sonst kaum jemand spricht: Kill-Shelters, Tierversuche, Einsamkeit, und wie sehr Menschen Tiere brauchen, um sich selbst zu verstehen. Aber es macht das ohne Bitterkeit. Ohne Pathos. Es zeigt einfach. Und lässt dich fühlen.
Jede Szene sitzt. Die Wasserfarben-Cutscenes wirken wie Erinnerungsfetzen – ein bisschen unscharf, wie durch Tränen gesehen. Die Musik bleibt dezent, manchmal hört man nur den Wind. Oder Bong-gus Pfoten auf Stein. Ich glaube, genau deshalb hat es mich so tief getroffen: Es versucht nie, dich zum Weinen zu bringen. Es lässt dich einfach.
Gameplay, das dich atmen lässt
Mechanisch erinnert My Little Puppy an alte PS1-Titel. Es gibt Quick-Time-Events, kleine Stealth-Passagen (inklusive einer genialen Metal Gear-Anspielung mit einer Pappbox – ja, wirklich), einfache Rätsel und viel Bewegung durch lineare Level. Aber das fühlt sich nie altmodisch an, sondern ehrlich.
Die Steuerung sitzt, besonders auf dem Steam Deck, und das Spiel respektiert deine Zeit. Es speichert oft, es gönnt dir Pausen, es lässt dich durchatmen. Und wenn du doch mal scheiterst, fühlt sich das nicht wie ein Rückschritt an, sondern wie Teil der Reise.
Ich hätte mir gewünscht, dass man Bong-gus Geruchssinn am Ende stärker einsetzt – vielleicht als kleine Belohnung, um beim erneuten Durchlauf Hilfe zu haben, um die optionalen Power-Ups zu finden. Aber das ist eher Wunschdenken, kein echter Kritikpunkt. Das Spiel weiß genau, was es sein will, und es zieht das durch.
Für alle, die jemals Abschied nehmen mussten
Ich hab das Spiel an zwei Abenden durchgespielt – vier, vielleicht fünf Stunden insgesamt – und danach einfach nur still dagessen. Weil es so ehrlich war. Weil es nichts beweisen wollte. Und weil es genau das richtige Maß gefunden hat zwischen Schmerz und Wärme.
Jeder, der schon mal ein Tier verloren hat, wird sich in Bong-gu wiederfinden. Aber auch jeder, der einfach verstehen will, warum Liebe manchmal so still ist. Es ist ein Spiel, das kaum Worte braucht, um verstanden zu werden.
Ich hab beim Spielen oft an meinen eigenen Traum gedacht – irgendwann einen Hund zu haben. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich so tief drin war. My Little Puppy ist kein Spiel, das du einfach abschaltest. Es riecht nach Zuhause.
Ein Abschied, der sich anfühlt wie Wiedersehen
Am Ende findet Bong-gu, was er gesucht hat. Und ich glaube, das tut man als Spieler:in auch.
Ich saß da, während die Credits liefen, und es war still. Kein Jubel, nur dieses Gefühl von Frieden. Es ist eines dieser Spiele, die dich nicht loslassen, weil sie dir etwas zurückgeben, das du gar nicht vermisst dachtest.
My Little Puppy ist klein, unscheinbar, aber riesig in dem, was es transportiert. Es ist für alle, die mal geliebt haben – egal, ob Mensch oder Tier. Es zeigt, dass nichts wirklich vorbei ist, solange man sich erinnert. Und wenn man genau hinhört, riecht und fühlt, dann merkt man vielleicht: Liebe findet immer einen Weg zurück.
Veröffentlicht: 10. November 2025 14:11 Uhr