Rockstar Games steht vor Gericht – und diesmal geht es nicht um Leaks, Mods oder Datamining, sondern um Arbeitsrecht, Gewerkschaften und die Frage, wie weit „vertrauliche Informationen“ eigentlich reichen dürfen. Ein neuer Report von People Make Games wirft ein ungewöhnlich klares Licht auf die vorläufige Anhörung im Arbeitsgerichtsverfahren zwischen Rockstar und 31 entlassenen Mitarbeitenden.
- Worum es in dem Verfahren eigentlich geht
- 32 Spieler und ein Wort, das niemand laut sagen wollte
- Rockstars Argumentation gegen Union Busting
- Die Sicht der entlassenen Mitarbeitenden
- Wenn ein Satz als Kündigungsgrund reicht
- Was jetzt folgt
Was als Streit über angebliche „schwere Pflichtverletzungen“ begann, hat sich schnell zu einer Debatte über Union Busting, interne Kommunikation und ganz nebenbei auch über einen bisher nicht bestätigten Online-Modus für Grand Theft Auto 6 entwickelt.
Worum es in dem Verfahren eigentlich geht
Die Anhörung fand Anfang Januar in Glasgow statt und drehte sich um die Frage, ob Rockstar die 31 Mitarbeitenden rechtmäßig entlassen hat. Alle Betroffenen standen in Verbindung mit gewerkschaftlichen Organisierungsversuchen innerhalb des Studios. Rockstar hingegen argumentiert, die Kündigungen seien erfolgt, weil vertrauliche und kommerziell sensible Informationen auf einem öffentlichen Discord-Server geteilt worden seien.
Der Knackpunkt: Laut Rockstars Anwälten ging es dabei nicht um belanglose Gespräche, sondern um Informationen zu einem bislang nicht angekündigten Online-Service. Konkret um die geplante Spieleranzahl eines neuen Online-Modus – mutmaßlich für GTA 6.
32 Spieler und ein Wort, das niemand laut sagen wollte
Rockstars Rechtsvertreter Andrew Burns beschrieb die geteilten Informationen als „hochgradig vertraulich“ und „kommerziell sensibel“. Besonders brisant sei die Diskussion über eine konkrete Spielerzahl gewesen. PMG zufolge ging es um einen geplanten 32-Spieler-Modus für das kommende Online-Erlebnis von GTA 6.
Burns ging sogar so weit, die Information als „top secret“ zu bezeichnen und bat die Richterin, die Zahl nur still zu lesen und nicht im Gerichtssaal laut auszusprechen. Auffällig ist allerdings, dass Rockstar keine formellen Berichterstattungsbeschränkungen beantragte. Dadurch konnte PMG-Mitgründer Chris Bratt die Beweismittel vor Ort einsehen und darüber berichten.
Die vorgelegten Beweise bestanden aus Discord-Nachrichten, in denen unter anderem über Urlaubsregelungen gesprochen wurde – mit dem Hinweis, dass diese das Hosting einer 32-Spieler-Session erschweren würden. Zwei Nachrichten nannten die Zahl explizit.
Zum Vergleich: Grand Theft Auto Online erlaubt aktuell 30 Spieler pro Session, plus zwei Zuschauerslots. Ein Anstieg auf 32 wäre technisch kein Quantensprung, juristisch aber offenbar ein sensibles Detail.
Rockstars Argumentation gegen Union Busting
Rockstar versuchte im Verfahren deutlich zu machen, dass es sich bei dem Discord-Server nicht um eine gewerkschaftliche Plattform gehandelt habe. Allein die Teilnahme an einem Discord sei keine Gewerkschaftsaktivität, so Burns. Zudem habe der Server auch ehemalige Mitarbeitende und eine externe journalistische Person umfasst.
Diese Person wurde als Scott Alsworth identifiziert, ein ehemaliger Entwickler von Bohemia Interactive und heutiger Freelancer sowie Vertreter der Game Workers-Sparte der Independent Workers of Great Britain. Rockstar argumentierte, dass allein seine Anwesenheit ein legitimes Risiko dargestellt habe – unter anderem, weil er bereits über GTA 6 geschrieben hatte.
Burns führte außerdem an, dass Union Busting schon deshalb ausgeschlossen sei, weil drei der entlassenen Mitarbeitenden in Kanada lebten und somit nicht Teil einer britischen Gewerkschaft sein konnten. Zudem seien andere offen als Gewerkschaftsmitglieder bekannte Personen nicht entlassen worden. Diese Punkte erkannte die vorsitzende Richterin Frances Eccles an, als sie den Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz ablehnte.
Die Sicht der entlassenen Mitarbeitenden
Die rechtliche Vertretung der Betroffenen zeichnete ein anderes Bild. Lord John Hendy argumentierte, dass Rockstar nach dem Zugriff auf den Discord-Server zwangsläufig Kenntnis von gewerkschaftlichen Aktivitäten gehabt haben müsse – einschließlich der Tatsache, dass die Mitgliedschaftsquote bereits die entscheidende Zehn-Prozent-Schwelle überschritten hatte.
Diese Schwelle ist relevant, da sie Voraussetzung für eine formale Anerkennung einer Gewerkschaft ist. Hendy betonte, dass Rockstars Handlungen faktisch dazu geführt hätten, diese Schwelle wieder zu unterschreiten, indem zentrale Aktivisten entlassen wurden.
Ein weiterer zentraler Punkt war der Umgang mit dem Vorwurf der „gross misconduct“. Laut Hendy seien keine Disziplinarverfahren, Anhörungen oder Einspruchsmöglichkeiten angeboten worden. Mehrere Mitarbeitende hätten nicht einmal gewusst, dass überhaupt eine Untersuchung lief. Die Entlassungen seien abrupt erfolgt, teilweise nacheinander, ohne Gespräche oder Vorwarnung.
Wenn ein Satz als Kündigungsgrund reicht
Besonders eindrücklich ist ein Detail aus den von PMG eingesehenen Beweisen. Rockstar ordnete jedem der 31 Mitarbeitenden einzelne Discord-Nachrichten zu, die als Grundlage für die Kündigung dienten. In einem Fall bestand der gesamte Vorwurf aus einer einzigen Nachricht mit fünfzehn Wörtern.
Der betroffene Mitarbeiter hatte lediglich angemerkt, dass es in der QA-Abteilung von Rockstar North aktuell keinen Crunch gebe. In einer Zeugenaussage erklärte Rockstars Publishing-Chefin Jennifer Kolbe, selbst diese Aussage könne Rückschlüsse auf den Entwicklungsstand von GTA 6 zulassen und die Zusammenarbeit im Team untergraben.
Der Mitarbeiter selbst zeigte sich irritiert und erklärte gegenüber PMG, die Nachricht sei weder abwertend noch vertraulich gemeint gewesen – eher im Gegenteil.
Was jetzt folgt
PMG sprach mit mehreren der entlassenen Mitarbeitenden, die berichteten, dass Rockstar kurz vor der Anhörung Vergleichsangebote unterbreitet habe. Nach der Ablehnung des einstweiligen Rechtsschutzes planen viele der Betroffenen, sich umgehend neue Jobs zu suchen. Besonders schwer wiegt, dass Rockstar die Entlassungen von Mitarbeitenden mit Arbeitsvisa unmittelbar an die Behörden meldete, was automatische Rückkehranordnungen auslöste.
Die eigentliche Hauptverhandlung ist für später im Jahr angesetzt. Sie dürfte nicht nur arbeitsrechtlich relevant werden, sondern auch grundsätzliche Fragen darüber aufwerfen, wie Unternehmen interne Kommunikation, Gewerkschaftsarbeit und „vertrauliche Informationen“ definieren.
Unabhängig vom Ausgang bleibt ein Eindruck hängen: Dass ein einzelner Discord-Satz, eine beiläufige Zahl oder ein harmloser Kommentar plötzlich zum Kündigungsgrund werden kann, zeichnet ein Bild von einer Branche – und einem Studio – das unter enormem Druck steht. Und das sehr genau weiß, wie viel auf dem Spiel steht.
Veröffentlicht: 17. Januar 2026 22:03 Uhr