Comic Con Stockholm: „The Boys”-Schöpfer Garth Ennis über kaputte Helden und historische Grauzonen

Auf der Comic Con Stockholm Winter 2025 ging es für einen kurzen Moment um Moral, Macht und die hässliche Seite des Heldentums. Im Panelraum stellte der Autor dieser Zeilen eine Frage an Kultautor Garth Ennis, die sich um einen zentralen Gedanken seines Werks drehte: Menschen, die überzeugt sind, das Richtige zu tun, und dabei trotzdem Unheil anrichten.

Inhaltsverzeichnis
  1. Die echte Welt: Komplizierter als jedes Moral-Tutorial
  2. Helden mit Dellen statt Heilige mit Plattitüden
  3. Grauzonen sind Normalzustand

Die Antwort zeigte nicht nur, wie konsequent Ennis seine Figuren denkt, sondern auch, warum seine Sichtweise derzeit überall in Popkultur und Games wieder auftaucht.

Die Frage lautete, ob Ennis solche Figuren von der Lüge ausgehend entwickelt, die sie sich selbst erzählen, oder von der Wahrheit, die sie vermeiden. Für Ennis war die Antwort klar: Er denke nicht in solchen abstrakten Modellen.

Auf einen Blick

  • Wer ist Garth Ennis? Autor von Preacher, The Boys und Punisher MAX; berühmt für bissigen Realismus, Antihelden und moralische Härte.
  • Was treibt ihn an? Figuren, die nicht recht haben, sondern handeln müssen. Moral als Reibung, nicht als Pose.
  • Warum hallt das in Games nach? Spiele wie Spec Ops oder The Last of Us zeigen dieselbe Linie: Konsequenzen statt Heldenglanz, Grauzonen statt Menüoptionen.

Die echte Welt: Komplizierter als jedes Moral-Tutorial

Der Startpunkt liege fast immer in der Realität. Geschichte sei voll von Menschen, die sich selbst als Helden sahen und dennoch Leid brachten. Und manchmal brauche es jemanden, der selbst gefährlich, gebrochen oder brutal ist, um noch schlimmere Kräfte zu stoppen.

„Du verstehst, dass er ein gefährlicher Mensch ist“, erklärte Ennis. „Aber es braucht das, um stärkeren Bösen entgegenzutreten.“ Als Beispiele führte er Billy Butcher aus The Boys an, dann Winston Churchill.

Churchill, so Ennis, habe eine lange Liste dunkler Taten aufzuweisen. Und doch verhinderte er in einem entscheidenden Moment den Untergang. „Du brauchtest einen schlechten Mann, um einen schlechteren Mann aufzuhalten.“

Helden mit Dellen statt Heilige mit Plattitüden

Es ist eine düstere Sicht auf Menschlichkeit und gleichzeitig ein Kompass für Ennis’ Geschichten. Seine Figuren stehen nicht für Parolen, sie verkörpern Konsequenzen. Fehlerhafte Helden, deren Schwächen keine dramaturgische Kosmetik sind, sondern Kern der Aussage.

Diese Haltung passt bemerkenswert gut zu aktuellen Tendenzen im Gaming. Titel wie Spec Ops: The Line, The Last of Us, This War of Mine, Bioshock Infinite, Cyberpunk 2077 oder die The Boys-Zusammenarbeit mit Call of Duty behandeln Moral als Spannungsfeld, nicht als Menüpunkt.

Spieler erleben Protagonisten, die Gutes wollen und scheitern, oder solche, die das Nötige tun und wissen, dass es sie zerfrisst. Eine Denkschule, die sich wie eine digitale Erweiterung des Ennis-Kosmos anfühlt.

Grauzonen sind Normalzustand

Der Moment in Stockholm war kurz, wirkte aber umso klarer. Während Popkultur über „graue Helden“ diskutiert, erinnert Ennis daran, dass Grau kein Trend ist. Es ist die Basis. Fiktion, die das ignoriert, fühlt sich plötzlich glatt und fremd an. Fiktion, die sich ihr stellt, bleibt hängen.

Mitunter braucht es eben einen krummen Weg, um etwas aufrecht stehen zu lassen. Und manchmal reicht eine ehrliche Antwort auf eine ehrliche Frage, um daran erinnert zu werden.


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Author
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Ben Touati
Gaming Nerd
Ben Touati schreibt über Games, Filme und die große, weite Welt der Popkultur – mit einem Blick, der zwischen analytischem Tiefgang und nerdiger Begeisterung pendelt. Sein Background in Linguistik verleiht ihm ein feines Gespür für Sprache, Struktur und die kleinen Nuancen, die große Geschichten tragen. Ob Aktuelles aus der Gaming-Welt, neue Trends oder Arnold Schwarzeneggers Englisch: Ben liefert Einordnungen mit Substanz – immer durchzogen von geekigen Referenzen, filmreifen Metaphern und dem leisen Verdacht, dass das alles irgendwie mit Buffy the Vampire Slayer und Watchmen zu tun hat.