Von „Smell‑O‑Vision“ in den Sechzigern bis zu aromatisierten Eisdielen in AR – die Idee, digitale Welten für die Nase zu erschließen, galt lange als Meme. Im Januar 2026 ist sie plötzlich real und marktreif.
- Schnupperstart: Wenn Smell‑O‑Vision erwachsen wird
- Nasen‑Computer‑Interface: Popkultur, Science & Spaß
- Smarte Kontaktlinsen: Displays dünner als ein Haar
- Astronautenblicke: Das Weltraum‑Interface
- Multiplayer für die Sinne: Was passiert, wenn Nase und Auge zusammenspielen?
- Wenn Ratten Doom spielen: Nerds will be Nerds
- Ready Player Smell
- 2026 riecht nach Zukunft
Zwei unscheinbare Technologien aus dem Nerd‑Kosmos verschwimmen: eine tragbare Duftmaschine namens Escents, die Gerüche in virtuelle Welten einspeist, und smarte Kontaktlinsen von XPANCEO, die Bildschirme, Sensoren und sogar medizinische Messgeräte direkt auf die Hornhaut verfrachten.
Zunächst wirkt das alles wie eine Randnotiz aus Medizin, Raumfahrt und Wearable-Forschung. Doch sobald diese Technologien beginnen, Erlebnisse zu simulieren statt nur Informationen anzuzeigen, wird klar. wo sie landen.
Bei unseren heißgeliebten Games.
Schnupperstart: Wenn Smell‑O‑Vision erwachsen wird
Smell‑O‑Vision war 1960 ein Kinogimmick, bei dem mittels Röhrchen Düfte ins Publikum geblasen wurden. Es war ein Reinfall – unter anderem, weil die Gerüche nicht mit dem Bild synchronisiert waren und die Röhrchen verstopften. Heute holt die Tech‑Szene den Geruchssinn ins digitale Medium zurück, diesmal mit präziser Steuerung statt Chaos aus dem Lüftungsschacht.
Der VR/AR‑Hersteller Scentient präsentierte im Dezember 2025 auf der UnitedXR‑Messe in Brüssel ein Gerät namens Escents. Laut Auganix handelt es sich dabei um ein „nose‑computer interface“, eine kleine, ergonomisch geformte Einheit, die magnetische Duftkapseln enthält.
Die Kapseln werden per Bluetooth mit VR‑Headsets gekoppelt, und das System dosiert die Intensität präzise nach Situation.
Escents auf einen Blick
- Ergonomisches Design: das Gerät wird wie eine Halskette getragen und stört nicht im Blickfeld.
- Smart‑Pods: magnetische Duftkapseln bieten rund 50 Stunden Einsatzzeit und lassen sich in Sekunden wechseln.
- Bluetooth‑Konnektivität: unterstützt Pico‑ und Meta‑Quest‑Headsets; eine Unity‑API erlaubt Entwicklern die Integration von Gerüchen in Spiele und 360‑Grad‑Videos.
- Anwendungsfelder: neben Games nennt Scentient virtuelle Trainingsprogramme, Wellness‑Apps und Duftmarketing.
- Emotion & Erinnerung: Mitgründerin Anastasia Georgievskaya betont, dass Gerüche stark mit Emotionen und Erinnerungen verknüpft sind.
Durch Escents gezielte Einbindung von Düften kann ein Horror‑Level plötzlich nach verbranntem Holz riechen oder ein Kochspiel den Duft von Basilikum entfalten. Der Effekt geht über Spielereien hinaus: Trainees im Katastrophenschutz könnten im VR‑Training den Geruch von Rauch erleben und sich so besser vorbereiten.
Nasen‑Computer‑Interface: Popkultur, Science & Spaß
In den letzten Jahren wurde immer wieder von Geräten wie OVR’s Ion oder Aromajoin berichtet, doch Escents ist das erste System, das sich in das Ökosystem gängiger Headsets einklinkt. Die Gerüche werden als smarte Pods vermarktet, ähnlich wie Kaffeekapseln – nur, dass sie nach Nadelwald oder Pizza duften.
Es klingt absurd, aber die Popkultur spielt diese Idee seit Jahrzehnten durch: In Futurama erlebt Fry einen 4D-Film, der sogar die Nase einbezieht. In Willy Wonka werden Tapeten essbar. Und in Japan experimentieren Restaurants längst mit digitalen Duftmenüs.
Escents verspricht, dieses Potenzial in VR‑Spiele zu tragen. Das Unternehmen verkauft das Gerät vorerst über Vorbestellungen und sieht den Markt nicht nur bei Gamern, sondern auch bei Luxusmarken, die in virtuellen Boutiquen Parfüms riechen lassen wollen.
Smarte Kontaktlinsen: Displays dünner als ein Haar
Während Scentient die Nase erobert, arbeitet XPANCEO daran, Bildschirme direkt auf das Auge zu bringen. Auf Messen wie AWE Asia 2024 präsentierte das Start‑up fünf Prototypen seiner AR‑Kontaktlinsen. Sie reichen von einem Modell, das Farbfehlsichtigkeit korrigieren kann, bis zu einem, das sichere Zahlungen ermöglicht.
Das Unternehmen prognostiziert eine „voll funktionsfähige“ Linse bis Ende 2026. Die Vision: eine unsichtbare Schnittstelle für XR‑Inhalte, Gesundheitsdaten und Kommunikation.
XPANCEO auf einen Blick
Was XPANCEO bis Ende 2025 bereits gezeigt hat, liest sich wie eine Roadmap in Richtung Science-Fiction:
- Farbkorrektur-Linsen: Zwei Ansätze zur Behandlung von Farbenblindheit, einmal über extrem dünne Display-Technik zur Kontrastverstärkung, einmal über eigens entwickelte Nanopartikel im Linsenmaterial.
- Optische Verifikations-Linse: Ermöglicht Identitätsprüfung für Zahlungen oder Zutrittskontrollen direkt über das Auge und umgeht dabei die Datenschutzprobleme klassischer Kamerabrillen.
- XR-Allround-Linse: Kombiniert immersive Overlays mit Videoanrufen, Social Media, Spielen und Gesundheitsdaten; integrierte Biosensoren erfassen Vitalwerte in Echtzeit.
- MWC-Prototypen 2024: Vier funktional unterschiedliche Linsen, alle so dünn wie medizinische Kontaktlinsen, mit dem erklärten Ziel, bis 2026 in einem einzigen All-in-One-Gerät aufzugehen.
- AR- und Raumfahrt-Linsen (GITEX 2025): Varianten mit integriertem Mikrodisplay und externer Sensorsuite für räumliche Zuordnung sowie holographische Modelle, die drahtlos von einem Helm mit Energie und Daten versorgt werden.
- Gesundheits- und Energie-Linsen: Prototypen zur Glukosemessung im Tränenfilm, zur Glaukom-Früherkennung über Augeninnendruck sowie zur autonomen Energieversorgung durch integrierte Mikroakkus.
XPANCEO betont, dass jeder Prototyp ein Baustein für die „perfekte All‑in‑One‑Linse“ ist. Dank einer 250 Millionen US‑Dollar schweren Series‑A‑Finanzierungsrunde, der größten im AR/VR‑Sektor der MENA‑Region, arbeitet das Team an der Miniaturisierung von Displays, Sensoren und Batterien.
Das Ziel: Ein ultradünnes, augenfreundliches Interface, das Brillen, Controller und Smartphones ersetzt.
Astronautenblicke: Das Weltraum‑Interface
Dass smarte Linsen nicht nur für Spiele gedacht sind, zeigt XPANCEOs Weltraum‑Prototyp. Im Dezember 2025 wurde eine holografische Linse vorgestellt, die mit einem Bildgenerator im Raumanzug verbunden ist.
Sie liefert Missionsdaten direkt ans Auge. Das ist wichtig, weil Astronauten mit Handschuhen nur schwierig Tablets bedienen können. Der Prototyp reagiert damit auf die Praxis, dass Astronauten Tablet‑Interfaces teils mit der Nase bedienen müssen.
Roman Axelrod, XPANCEO‑Mitgründer, beschreibt die Motivation so:
„Die Menschheit steht vor zwei prägenden Herausforderungen: ihre Fähigkeiten zu erweitern und die gesunde Lebenszeit zu verlängern. Wir entwickeln smarte Kontaktlinsen als neue Schnittstelle für das Leben auf der Erde – und als eine, die auch im Orbit, auf dem Mond oder überall dort funktioniert, wohin es Menschen als Nächstes zieht.“
Mit diesem hoffnungsvollen Ansatz, der ein wenig nach Star Trek klingt, erschließt XPANCEO nicht nur den Gaming‑Markt, sondern auch Medizin, Luftfahrt und Raumfahrt. Die Linse könnte Piloten und Rettungskräften Daten einblenden oder als Heads‑up‑Display fungieren; im All, wo Brillen gefährlich werden können.
Multiplayer für die Sinne: Was passiert, wenn Nase und Auge zusammenspielen?
Dass Geruch und Sicht zusammengehören, wissen längst Köche und VR‑Designer. Wenn ein VR‑Spiel den Duft eines virtuellen Waldes aussendet und gleichzeitig via Kontaktlinse eine subtile grüne Nebelschicht über die reale Umgebung legt, entsteht eine Immersion, die bislang nur in Science‑Fiction vorkam.
Health‑Apps könnten beim Meditieren den Duft von Lavendel verbreiten, während Linsen die Herzfrequenz anzeigen; Horror‑Games könnten den modrigen Gestank eines Dungeons simulieren, während Info‑Overlays Hinweise projizieren.
Die Integration beider Technologien könnte auch die VR‑Therapie verbessern. In klinischen Studien mit Novobeing wurden bei Patienten Reduktionen von 32 Prozent bei Angst, 37 Prozent bei Schmerzen und 25 Prozent bei Depressionen gemessen.
Bisher nutzt Novobeing visuelle und auditive Meditationen; künftig könnten Duftstimuli und Biofeedback über Kontaktlinsen die Wirkung verstärken. Darüber hinaus könnten Linsen frühzeitig Gesundheitsrisiken wie Diabetes oder Glaukom erkennen und gemeinsam mit Geruchstraining für Demenzpatienten eingesetzt werden.
Wenn Ratten Doom spielen: Nerds will be Nerds
Wir Geeks lieben schräge Experimente. Doom läuft inzwischen auf allem, von Schwangerschaftstests bis zu holografischen Displays. Entwickler Joseph Huber portierte das Spiel fast vollständig auf eine GPU.
Forscher haben sogar Ratten beigebracht, in einer Miniatur‑Arena durch die Dämonenhorden zu navigieren und mit einem Trigger Gegner zu beschießen; eine gewölbte AMOLED‑Leinwand umgab den Käfig. Dass es demnächst eine Duft‑Mod für Doom gibt, ist nur eine Frage der Zeit. Vielleicht riecht der ikonische „Impfstoff“ dann wirklich nach Schwefel.
Nerds treiben Technik auf die Spitze, weil sie neugierig sind – und weil jedes neue Medium das Potential hat, Geschichten besser zu erzählen.
Die Integration von Duft und Linsen ist der nächste Schritt in einer Reihe von Kuriositäten, die zeigen, wie weit Fantasie geht: Man spielt nicht mehr nur Doom in VR, man könnte es riechen, fühlen und über ein Display im Auge sehen, ohne einen Helm zu tragen.
Ready Player Smell
Die Grenze zwischen Spiel und Realität verschwimmt weiter. Netflix übernahm im Dezember 2025 den Avatar‑Dienst Ready Player Me, um ihn in die eigenen Spiele zu integrieren. Laut Auganix wechselt das Team zu Netflix und stellt seine eigene Plattform zum 31. Januar 2026 ein.
Cross‑Game‑Avatare werden damit Teil des Mainstreams – und könnten künftig um eine Duftkomponente erweitert werden. Wer seine Figur in einem Fantasy‑RPG spielt, könnte künftig entscheiden, ob es nach Jasmin oder Schwefel riechen soll.
Gleichzeitig kommt Bewegung in die Gesundheits‑ und Wellness‑Branche: Novobeing bringt seine klinisch getestete VR‑Meditations‑Plattform aus dem Krankenhaus in die Wohnzimmer. Nutzer erhalten ein vorinstalliertes Headset und einen Abonnementzugang zu geführten Atemübungen, Reisen und Naturumgebungen.
Durch die Kombination aus Linsen, Duftgeräten und personalisierten Avataren könnten solche Erlebnisse noch intensiver und persönlicher werden.
2026 riecht nach Zukunft
2026 dürfte das Jahr werden, in dem Geruch und Sicht als digitale Schnittstellen erwachsen werden. Escents bringt den Geruchssinn in Spiele und Training; XPANCEO verbannt sperrige Brillen aus dem Gesicht und platziert Displays, Sensoren und Batterien auf der Hornhaut.
Beide Technologien werden in der Gaming‑Community für Gesprächsstoff sorgen. Erst als Kuriosität, dann als Gamechanger.
Mit wachsendem Markt und einer Finanzierung von 250 Millionen Dollar dürfte XPANCEO 2026 einen Prototyp präsentieren, der nicht mehr wie Sci‑Fi wirkt, sondern tatsächlich im Auge sitzt.
Und sollte Scentient seine Duftkapseln zum Start kompatibel machen, riechen Gamer vielleicht schon 2027 den Duft frisch gemähten Grases, wenn sie in The Legend of Zelda durch Hyrule streifen. Damit erfüllt sich ein alter Nerd‑Traum: Die virtuelle Welt riecht endlich wie echt.
Veröffentlicht: 8. Januar 2026 11:58 Uhr